Nelly Furtado hatte ihren ersten “richtigen” Auftritt, nachdem sie im Jahr 2001 ihren Plattenvertrag unterzeichnet hatte – im zarten Alter von 20 Jahren. “Ich habe auf der Lilith Fair gespielt, und bei der Zugabe kamen alle, die an dem Tag gespielt hatten, wieder auf die Bühne, um [Bob Dylans] ‘I Shall Be Released’ zu singen. Plötzlich war ich zusammen mit Chrissie Hynde und Sarah McLachlan und Beth Orton”, erinnert sie sich immer noch ungläubig. “Es war wie ein Traum! Ich dachte die ganze Zeit: ‘Was tu’ ich hier bloß zwischen all diesen gestandenen Profis?’”

Eine verständliche Frage für eine unerfahrene Künstlerin, die weit entfernt im kanadischen Victoria, British Columbia, als Tochter portugiesischer Eltern aufgewachsen ist. Und obwohl sie noch so jung ist und gerade mal die ersten Schritte auf ihrer Karriereleiter getan hat, verfügt sie bereits über einen sehr gefestigten musikalischen Background – Beweis hierfür ist nicht nur, dass sie eine Vielzahl an Instrumenten spielt (Gitarre, Ukulele, Posaune) und in unterschiedlichen Sprachen singt (Englisch, Portugiesisch, Hindi), sondern natürlich besonders das Debüt-Album “Whoa, Nelly!” – mit einer Soundmixtur, die ebenso mitreißend wie unverwechselbar Nelly Furtado ist.

Das jüngste Kapitel in Nellys Geschichte startete, als sie mit 18 Jahren auf die Bühne kletterte, um bei einer Talentshow in Toronto vor hauptsächlich schwarzen, weiblichen Zuhörern zu singen. Denn dort traf sie auf ihren zukünftigen Manager (u.a. für die Multi-Platin-Formation The Philosopher Kings verantwortlich), und schon kurz darauf produzierten die Kings-Mitglieder Gerald Eaton und Brian West ein Demo für Nelly. Ein tolles Demo, doch es kam zur falschen Zeit, denn damals war Nelly bereits fest entschlossen per Rucksack durch Europa zu reisen, um im Anschluss daran “kreatives Schreiben” zu studieren.

Natürlich blieb sie trotzdem weiterhin mit Eaton und West in Kontakt, die sie immer wieder beknieten, doch nach Toronto zurück zu kommen. Furtado erinnert sich: “Ich sah mir die Philosopher Kings beide Male an, als sie in Victoria spielten, und beide Male forderten sie mich auf ‘Hey, komm nach Toronto, lass uns noch mehr Demos aufnehmen’. Aber ich war die ganze Zeit so unentschlossen: ‘Ah, ich geh’ noch zur Schule, ich will schreiben, ich lerne Gitarrespielen – blah blah blah.’ Dann eines Tages rief mich Gerald an und sagte mit Nachdruck: ‘Komm jetzt nach Toronto!’ Also blieb mir nichts anderes übrig und ich fuhr hin – und blieb dort zwei Wochen. Es war unglaublich. Wir drei passten so gut zusammen. Gerald und Brian sind so faszinierend – smart und charismatisch… Es ist toll, mit ihnen zusammen arbeiten zu können. Sie schufen das kreativste Umfeld, dass ich mir überhaupt vorstellen konnte.”

Das Material, das die drei Musiker während dieser Sessions erarbeiteten, mündete dann schließlich auch in dem Deal, den Furtado mit DreamWorks Records abschloss. Eaton und West (die auch als Track and Field bekannt sind) kamen als Co-Produzenten ebenfalls mit an Bord. Damit hatte sich ein fähiges Team zusammengesetzt, das die Schöpfung eines Longplayers wie “Whoa, Nelly!” verlangt.

Diese ebenso große wie erstaunliche Palette unterschiedlichster Einflüsse vermischten sich dann irgendwie mit der Musik aus dem Land ihrer Vorfahren Portugal. Als sie 16 war, reiste sie durch Portugal und erlebte etwas ganz erstaunliches: “Ich ging in diesem Club geradewegs auf die Bühne und begann zu singen – Worte, die mir einfach so in den Kopf kamen. Das ist doch das, was HipHop eigentlich ausmacht – das ist Freestyling. Und Portugal hat etwas ganz ähnliches, was dort ‘cancoes desafios’ genannt wird – was ungefähr ‘spontanes singen’ bedeutet. Du versuchst, die andere Person auf der Bühne zu provozieren, dass sie faul sei oder irgendetwas anderes fieses. Das geht alles in wirklicher Umgangssprache vor sich und du musst die Sprache wirklich können, um alles richtig zu verstehen.”

Angefangen zu singen hatte Nelly bereits als sehr kleines Kind – beeinflusst von ihrer Mutter, die im Kirchenchor sang. “Ich erinnere mich, dass ich mich zu Hause hinter der Couch versteckt hatte und meine Mutter belauschte, als sie sich mit anderen Frauen für große Feste vorbereitete und Lieder übte. Und so kam es, dass ich mit vier Jahren gemeinsam mit meiner Mutter vor 300 Leuten ein Duett sang. Und schon damals war mir klar, dass es mir enorm viel Spaß bringt vor Publikum aufzutreten”, erinnert sie sich.

Aber auch die weltliche Musik war stets präsent in Nellys Leben. “Da gab es diesen Plattenspieler im Schlafzimmer meiner Eltern”, sagt sie. “Da saß ich gern und hörte mir das Album ‘Glass Houses’ von Billy Joel immer und immer wieder an.” Und die Posaune, die Furtado in der Marsch-, Jazz- und Konzert-Band ihrer Schule spielte. Nebenbei versuchte sie gemeinsam mit Freundinnen die Tanzschritte nachzuahmen, die sie in den Videos von Janet Jackson gesehen hatten.

Ihre ersten wirklichen Erfahrungen als Sängerin und bei Aufnahmen machte Nelly Furtado dann, als sie mit 16 Jahren die Backup-Vocals in der HipHop-Band von Freunden sang; danach, ein Jahr später, wurde sie Mitglied in dem experimentellen TripHop-Duo Nelstar in Toronto – sie schrieb die Melodien und der Produzent legte die Beats.

Doch Nelly wollte mehr. Zwar konnte sie tolle Melodien schreiben, aber es wurmte sie immer, dass sie es nicht schaffte, richtige Songs zu komponieren. Also begann sie, Gitarre zu lernen. “Während der Schulzeit hatte ich schon Ukulele gespielt, da dachte ich mir – zwei Saiten mehr? So schwer kann das ja nun auch wieder nicht sein.” Gesagt, getan – und so begann sie ihr Songwriting zu perfektionieren. “Ich liebte Jeff Buckley, er hatte sehr großen Einfluss auf mein Songwriting und auf meinen Gesang, aber auch Amalia Rodrigues und Nusrat Fateh Ali Khan.”

“Als ich mein Album aufgenommen habe, war ich gerade sehr inspiriert von dem Cornershop-Album ‘When I Was Born For The Seventh Time’. Es war poppig aber gleichzeitig ein toller Mix aus Pop und indischen Elementen. Die Mixtur hatte es mir sehr angetan. Ähnlich wie Becks ‘Odelay’, das einen ähnlichen Effekt auf mich hatte. Sehr kreativ, voller Sound, sehr integer und irgendwie überhaupt nicht melancholisch. Diese beiden Alben brachten mich dazu ein Pop-Album aufzunehmen, das mit portugiesischen und brasilianischen Elementen ausgeschmückt ist und dabei viel Fröhlichkeit transportiert. Ich liebe diese Herausforderung, Musik voller Gefühle und Emotionen zu machen, die gleichzeitig frisch, treibend und voller Hoffnung klingt – eben so wie es Cornershop, Beck und Bob Marley gemacht haben.”

Ein Vorhaben, das Furtado auch auf ihre Live-Shows überträgt: “Ich habe einfach keine Lust, jeden Abend auf der Bühne negativen Kram abzulassen und darüber deprimiert zu werden. Ich habe mir mal eine meiner Lieblingsbands, Radiohead, angesehen und musste dann aber denken: ‘Ähm, könntest du das jeden Abend machen?’ Wie können die sich selbst jeden Abend so quälen? Das ist auch der Grund, warum Becks Auftritte immer so toll sind. Er gibt das Gefühl, dass du jede Nacht grooven kannst, jeden Tag eine Party auf der Bühne ist. Das würde ich auch gern erreichen. Ich will Liebe verbreiten, keine Tränen. Es sei denn, es sind Freudentränen.”

Und Nelly Furtado ist gerade momentan dabei, exakt diese Vorsätze auch in der Realität umzusetzen. “Ich kann es gar nicht abwarten wieder auf Tour zu gehen”, sagt Nelly. “Denn darauf habe ich mein ganzes Leben gewartet, darauf habe ich hingearbeitet. Ich habe immer davon geträumt meine eigene Band zu haben, im Bus durch die Gegend zu fahren, zur nächsten Stadt, zum nächsten Auftritt.” Mit ihrem Album “Whoa, Nelly!” hatte Nelly Furtado mehr als genug Möglichkeiten dazu.

2003 – nach diversen Auszeichnungen wie einem Grammy, 4 Nominierungen, dem Juno-Award und dem ASCAP-Award widmet sich die junge Kanadierin ihrem neuen Album. Furtado stellte fest, dass ihr neues Songmaterial um einiges anders war als das vom letzten Album. “Ich glaube, ich bin einfach reifer geworden” sagt sie. “Bei vielen Songs von der letzten Platte war ich noch ein Teenager. Ich hab damals einfach geschrieben und drauflosgekritzelt und hatte überhaupt keine Lebenserfahrung. Musikalisch kommt Furtado so abenteuerlustig wie immer daher, mit der Freiheit des HipHop, dem Faible für glitzernden U.S.-Pop sowie mit dem gnarzenden Gitarren-Rock, mit dem sie aufwuchs. Und trotzdem behält sie ihre Leidenschaft auch für Folk und den Flair internationaler Formen.

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