“Ich suche nach dem Leben, der Liebe und der Schönheit” | von Ralph Geisenhanslüke

Als Kind wurde mir erzählt, wenn ich im Garten ein Loch graben würde, könnte ich irgendwann in China rauskommen, ich müsste nur tief genug graben. Meine Schwestern und ich haben das geglaubt und den ganzen Tag gebuddelt. Vermutlich wollten meine Eltern nur, dass wir mal eine Weile draußen im Garten sind. Aber wenn du vier Jahre alt bist, glaubst du wirklich, du könntest es bis nach China schaffen. Ich finde es bis heute großartig, an solche Verheißungen zu glauben.

Ich wurde in Kanada geboren, aber meine Eltern stammen von der Azoreninsel São Miguel, die zu Portugal gehört. São Miguel ist für mich ein besonderer Ort, ich empfinde dort eine mystische Energie. Die Azoren liegen mitten im Atlantik, drum herum ist über 1500 Kilometer nichts als Wasser. Man fühlt sich im besten Sinn des Wortes verloren. Meine Vorfahren haben 600 Jahre lang dort gelebt, seit der Zeit, in der die Inseln besiedelt wurden.

Mein Großvater war Komponist. Bei einem Besuch auf São Miguel habe ich seine Musik entdeckt. Da war ich zwölf Jahre alt. Es waren Kisten über Kisten voller Noten. Bei manchen war das Papier schon aufgeweicht durch die feuchte Luft. Mein Großvater leitete zusammen mit seinem Bruder ein Blasorchester, gemeinsam schrieben sie die Musik. Sie probten jeden Abend, beherrschten jedes Instrument und gaben allen im Dorf Unterricht. Eigentlich waren sie Steinmetze, aber sie lebten für ihre Musik.

Wenn ich als Kind im Orchester unserer Kirche die Posaune spielte, hatte ich immer das Gefühl, dass mein Großvater bei mir war, auch nachdem er gestorben war. Noch heute frage ich ihn manchmal um Rat.

Träumen ist die Freiheit desjenigen, der den Himmel berührt, obwohl er nicht fliegen kann. Es bereichert das Leben, wenn man an die kleinen magischen Dinge glaubt. Ich finde es schwer, durch diese Welt zu gehen und dabei immer nur auf meine Füße zu sehen. Lass uns nach oben schauen.

Wenn ich in ein Museum gehe, kann es passieren, dass ich zwei Stunden lang vor einem Gemälde stehen bleibe. Ich suche nach dem Leben, der Liebe, der Schönheit darin. Kunst und Musik können mich weit wegtragen. Ich weiß vorher nie, wohin. Aber ich habe Vertrauen. In unseren Träumen ist das Meer blauer, die Berge sind höher – diese Bilder geben uns den Glauben daran, dass diese Schönheit irgendwo existiert. Auch wenn wir in der Realität nie dorthin kommen, werden wir es doch immer wieder versuchen. Egal, wie modern unser Leben auch werden mag.

Meine kleine Tochter glaubt fest daran, dass am Ende des Regenbogens ein Topf voller Gold steht. Wer weiß, vielleicht gibt es ihn wirklich. Schon der Regenbogen selbst ist ein Wunder.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke (Musik bei zeit.de).
rememberthedays.de bedankt sich für die Bereitstellung des Artikels.

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