„Ich hab mich ohne Zögern ins Tiefe begeben, um zu sehen, ob ich auch wirklich schwimmen kann“, erzählt Nelly Furtado. „Denjenigen Teil von mir, der die Dinge zu sehr hinterfragt, der immer ein `Oh nein, was, wenn ich das nicht schaffe?´ dagegenhält, den habe ich dieses Mal gänzlich beiseite geschoben.“

Für ihr neues Album Loose (erscheint am 09. Juni 2006) hat sich Nelly auf gänzlich neues Terrain vorgewagt: sie hat haufenweise Reime geschrieben und gerappt, sie hat mit einem wahrhaftigen Who-is-Who der Produzentenwelt zusammengearbeitet, sie hat sich wiederholt um einen deftigen Sonnenbrand in Miami bemüht, sie hat mit spanischem HipHop geliebäugelt, und sie hat letztlich alles dafür gegeben Musik aus dem Bauch zu kreieren. Ein perfektes Beispiel für ihren neuen, absolut unverkopften Ansatz, ist die erste Single „Maneater“, produziert von Timbaland, dem Chef-Produzenten von Loose, der für seine Arbeit mit Missy Elliott, Justin Timberlake, Aaliyah u.a. schon längst zu einer Produzentenlegende avanciert ist.

Sicherlich war zu erwarten, dass eine Reihe von Gold- und (mehrfachen!) Platin-Auszeichnungen (für die Vorgänger Folklore (2003) bzw. Whoa, Nelly! aus dem Jahr 2000) sowie zwei Top-Ten-Singles („Powerless“ und „Forca“) bzw. ein Grammy für die „Best Female Pop Vocal Performance“ – um nur ein paar ihrer Erfolge zu nennen – zu wachsendem Selbstvertrauen führen. Doch letztlich war es für Nelly die Geburt ihrer Tochter, die sie sämtliche Vorsichtsmaßnahmen hat über den Haufen werfen lassen: „Die Mutterschaft lässt einen vor nichts mehr zurückschrecken“, erklärt sie.

„Das Album klingt wahnsinnig jung“, berichtet Furtado weiterhin. „Und ich bin mir sicher, dass es damit zu tun hat, dass ich mein Leben inzwischen mit einer Zweijährigen verbringe. Ich habe mit ihr auch während der Aufnahmen den ganzen Tag verbracht, von morgens bis abends, und erst danach bin ich ins Studio gegangen – daher auch diese ganze verspielte Energie. Früher konnte ich nur auf der Bühne all das rauslassen, und jetzt habe ich es geschafft, diese Dynamik auch auf Platte zu bannen.“

„Man kann auf dieser Platte raushören, wie ich alles loslasse und völlig losgelöst zur Sache gehe – `Promiscuous´ ist da ein perfektes Beispiel. Ich habe den Text gemeinsam mit einem Rapper namens Attitude aus Alabama geschrieben – das ist etwas, das ich vorher noch nie gemacht hatte. Es fühlte sich unfassbar befreiend an, weil ich mich in
eine Figur hineinversetzen musste. Den Charakter, den wir gemeinsam entworfen haben, habe ich dann auch gleich ins Video zur Single einfließen lassen.“

Während Furtado von den Aufnahmen berichtet, die zu Loose führten, wirkt sie dermaßen erfüllt und glücklich, dass man ihr folgende Aussage keinesfalls abkauft: „Jedes Mal, wenn ich mit der Arbeit an einem Album beginne, dann sage ich zu mir `OK, das ist jetzt das allerletzte Mal. Nach diesem Album ist endgültig Schluss.´“ Dann erklärt sie jedoch: „Und dann packt es mich auf ein Neues, und ich mache genau die Musik, die mich gerade bewegt, und schon geht alles wieder von vorne los.“

Die Grundsteine zu Loose legte sie in einer Art „HipHop-Workshop“ (wie sie selbst lachend sagt), den sie gemeinsam mit ihrem MC-Freund Jellystone (aka Jelleestone) abhielt: „Wir schrieben Rhymes, nahmen sie wieder auseinander, probierten alle möglichen Styles über den unterschiedlichsten Beats. Damit war die Richtung für das neue Album klar. Ich bin mit HipHop und R&B aufgewachsen, doch in der Vergangenheit habe ich diesen Aspekt in meinem eigenen Sound immer übergangen. Für Loose wusste ich jedoch, dass es dieses Mal genau diese Art von Sound sein musste.“

Nachdem sie mit ihren Langzeit-Produzenten Track & Field losgelegt hatte, wurde Nelly schon bald klar, dass sie dieses Mal mit einer ganzen Reihe von Produzentengrößen arbeiten wollte. „Mit neuen Produzenten zu arbeiten,“ vergleicht sie, „ist wie Klamotten-Shopping: Man weiß nie, was einem stehen wird, bis man es nicht am eigenen Leib
ausprobiert hat. Und manchmal sehen sie sogar etwas in dir, das du selbst vielleicht noch nie entdeckt hast.“ Darum reiste sie gemeinsam mit ihrer Tochter von Toronto nach London, um dort mit Nellee Hooper zu arbeiten, dann ging’s weiter nach Los Angeles, wo Lester Mendez auf sie wartete (Mendez hatte schon „Te Busque“ produziert, Nellys Erfolgsduett mit Juanes), dann kam Rick Nowels (der Co-Produzent der Überballade „In God’s Hands“) an die Reihe, und schließlich endete ihr Trip im sonnigen Miami, wo sie mit den HipHop-Masterminds Pharrell Williams, Scott Storch und schließlich auch Timbaland zusammentraf.

„Es fühlte sich an, als hätte ich an unzähligen Hafengegenden angehalten, bis ich dann letztlich, am Ende der Reise, diesen großen Luxuskreuzer vor mir sah, der mich dann auf offene See mitnahm“, meint Nelly heute – wobei der große Luxuskreuzer natürlich für niemand Geringeren als Timbaland steht. Fragt man sie nach der Chemie zwischenden beiden, die schon vor fünf Jahren in einem Remix von Missy Elliotts „Get Ur Freak On“ (inklusive Vokalpart von Nelly) gut zu funktionieren schien, antwortet sie Folgendes: „Es hat viel mit Liebe zu tun – es ist fast schon wie eine musikalische Affäre. Ganz egal, was er mir vorspielt: ich bin dabei. Ich will jeden Song einsingen, den er mir zeigt. Ich habe den Sound seiner Produktionen schon immer geliebt.“

Was Nelly heute als den „Wirbel“ ihrer Zusammenarbeit bezeichnet – sie meint damit wohl den magischen Kern- und Angelpunkt – ereignete sich gleich zu Beginn der Aufnahmen zu Loose: „Wir verbrachten gerade die erste Nacht in Miami im Studio“, erinnert sie sich, „und wir waren gerade mitten in einer perfekten Jam-Session. Nate Hill [der auch am Songwriting beteiligt war] hatte einen heftigen Beat programmiert, und im ganzen Raum herrschte eine unbeschreibliche Energie – fast schon ein Voodoo-Gefühl war das! Ich war noch nie dermaßen von der Musik mitgenommen, es war einfach unglaublich intensiv, was da abging. Die Lautstärkeregler waren bis zum Anschlag aufgedreht, und plötzlich rauchte irgendwas im Studio. Ich guckte zum Lautsprecher rüber, und da kamen tatsächlich Flammen rausgeschossen! Danach hatten wir regelrecht Angst vor diesem Track – wir haben ihn dann auf Halde gelegt und erst zwei Wochen später an dieser Nummer weitergearbeitet.“

Besagter „Crazy-Voodoo-Track“ wurde schließlich zur ersten Single „Maneater“ (VÖ 26.05.), von dem Furtado heute sagt, dass „er ein komplettes Eigenleben angenommen hat. Eine völlig eigene Dynamik. Man muss sich zu diesem Stück einfach bewegen!“ Somit ist „Maneater“ nicht nur ein klares Highlight von Loose, sondern auch ein weiteres
Paradebeispiel für Nellys neuen, tanzbaren und hiphoplastigen Sound, der sich durch ihr gesamtes Album zieht.

„Wir hatten im Studio dieses Eurythmics-Ding am laufen“, führt Nelly weiter aus. „Ich habe Tim immer `Dave´ genannt, und er nannte mich konsequenterweise `Annie´. Eurythmics hatten früher diesen düsteren Keyboard-Sound, der trotzdem poppig war. Ihr Song `Here Comes The Rain Again´ – ich bin mir nicht einmal sicher, wovon er eigentlich handelt –, aber ich bin jedes Mal fasziniert davon. Und genau dieses Gefühl gibt mir auch `Say It Right´: obwohl ich den Song selbst geschrieben habe, kann ich nicht genau sagen, wovon das Stück eigentlich handelt. Trotzdem fasst es das Gefühl zusammen, dass ich beim Schreiben hatte. Und es nimmt einen ebenfalls mit in eine ganz andere Welt, eine andere Umlaufbahn.“

Während sie auch Blondie, The Police, Talking Heads, Madonna und Prince als wegweisende Referenzen für die Arbeit an Loose ausmacht, stellt Furtado klar: „Wir haben uns die eher surrealen und theatralischen Elemente der Achtziger rausgepickt, die Sachen, die sich wie ein schräger Traum anfühlen. Das ganze Album ist von einem mysteriösen Mitternachts-Vibe durchzogen, einem Vibe, der absolut aus dem Bauch kommt. Ich will, dass sich die Leute in meiner Musik zurückziehen und ihre animalischen Triebe in ihr zelebrieren können.“

Während der Arbeit an Loose in der „Hit Factory“ in Miami, versetzte sich Nelly wiederholt in die Rolle eines Superproduzenten, inklusive der Abgeschiedenheit. Fragt man sie nämlich, ob sie auch das Nachtleben der Stadt ausgetestet hat, so antwortet sie: „Es gab überhaupt keinen Grund, in die Clubs zu gehen, weil die Party bei uns im Studio stattfand. Timbaland ist so eine krasse Persönlichkeit, er ist einfach der Wahnsinn! Er lebt wie ein Rockstar. Ich denke, dass Produzenten die neuen Rockstars sind. Sie leben in den übergroßen Anwesen, sie kommen jeden Tag mit einem anderen Mega-Schlitten zum Studio, sie sind rund um die Uhr von schönen Frauen umgeben. Leute kommen vorbei, übergeben eine Tasche voll Geld und sagen, `Mach mir mal einen Beat dafür.´ Es war wirklich unglaublich spannend, diesen ganzen Lifestyle zu sehen.“

Die Arbeit mit Timbo bedeutete auch, dass sie mit denjenigen Künstlern in Kontakt kam, mit den Timbaland sonst zu tun hat: Lil’ Wayne kam vorbei, um „den besten Freestyle aller Zeiten“ für einen Remix von „Maneater“ abzuliefern. Attitude war zugegen, und zwar nicht nur, um an „Promiscuous“ mitzuschreiben, sondern auch, um einen Rap für „Afraid“ beizusteuern. Und selbst Chris Martin tauchte in Miami auf, um mit Nelly am süchtigmachenden „Why Do All Good Things Come to an End?“ zu arbeiten.

Natürlich war Nelly völlig aus dem Häuschen, als sich plötzlich so viele Kollaborations-Türen auftaten. Sowieso scheint sie unersättlich zu sein, wenn es um neue kreative Wege geht. Eine ihrer gänzlich unerwarteten Neuerungen findet sich in „No Hay Igual“, einer von zwei spanischsprachigen Tracks auf Loose. Sie erinnert sich nur allzu gern
an eine besonders produktive Session mit Pharrell Williams: „Wir hingen gerade im Studio rum, und Pharrell meinte plötzlich, `Mach doch mal einen Reggaeton-Track.´ Ich fragte ihn, was das überhaupt ist, Reggaeton. Also spielte er mir ein paar Stücke vor, und ich war sofort hin und weg. Wenn man mich fragt, ist Reggaeton die spannendste Musik, die es derzeit gibt. Dazu kam, dass ich, weil in Miami, die ganze Zeit auf Spanisch mit den Leuten redete. Also versuchte ich schließlich, etwas in diesem Style zu schreiben, einfach mal so. Letztlich ist es wohl kein wirklicher Reggaeton-Track geworden; es ist wohl eher meine persönliche Variante von diesem Sound.“

Das unfassbar beatschwangere „No Hay Igual“ ist zudem ein weiteres Beispiel für diejenige „Body Music“, die sich als roter Faden durch Loose zieht. „Meine ersten beiden Alben waren sehr glatt, sehr unberührt“, gibt Furtado zu bedenken. „Sie haben etwas Statisches, die Songs sind fast schon wie Gemälde. Dieses Album jedoch kommt nur aus
dem Bauch heraus. Die Songs werden alle vom Beat dominiert; sie bringen einen in Fahrt, lassen das Blut durch die Adern schießen. `Maneater´ zum Beispiel, das ist so ein Song mit einem starken Puls. Ich kann’s kaum abwarten, die neuen Songs live zu spielen, weil sie einem wahnsinnig viel Freiraum lassen.“

„Es stimmt sicherlich, dass es bei diesem Album viel um körperliche Anziehung geht, aber gleichzeitig ist da auch die naive Seite, ein fast schon kindlicher Aspekt, der da auch noch mitschwingt“, führt Nelly weiter aus. „Manche Songs erinnern mich sogar an meine eigene Kindheit, als ich mit 13 in meinem Zimmer [in Victoria, British Columbia] saß und den ganzen Tag an R&B-Balladen geschrieben habe. Irgendwie bin ich mit diesem Album wieder dort gelandet, wo man noch ganz unschuldig von Liebe sprechen konnte.“

Sie erinnert sich noch genau daran, wie „Say It Right“ zustande kam:
„Es war drei Uhr morgens, und es war ein wenig kühl im Studio, also habe ich mir einen Kapuzenpulli angezogen – und genau dieses Kapuzenpulli-Überziehen fasst auch das gesamte Album zusammen: Ich trage meinen Hoodie wieder. Ich bin plötzlich wieder vierzehn, stehle mich nachts aus meinem Zimmer und hänge auf der Straße mit den HipHop-Kids ab.“

Dieser Zurück-in-die-Zukunft-Ansatz wirkte sich auch auf den Aufnahmeprozess aus: „Einer der Gründe, warum wir immer so kleine Gesprächsfetzen, zwischen den Songs platziert haben ist, dass wir das ganze mysteriöse Drumherum wegnehmen wollten. Ich nenne das „reality audio“. Ich will, dass die Zuhörer mitkriegen, dass wir einfach nur
Jam-Sessions hingelegt haben, dass wir uns haben gehen lassen, dass es uns um „loose energy“ ging – so wie früher, als ich mit 19 endlose Improvisationsstücke aufgenommen habe. Es geht hier nicht um abstrakte Musikwissenschaft. Jeder Song wurde gleich abgemischt, ganz direkt, ohne langes Hin und Her. Während ich in der Vergangenheit manchmal das Gefühl hatte, dass die Demoversionen vielleicht sogar besser waren als die fertigen Stücke, haben wir dieses mal alles so belassen. Wie sagt man noch: `If it ain’t broke, don’t fix it.´“

In der Tat stellt unvermittelte Spontaneität im gemeinschaftlichen Schaffensprozess den Kern von Loose dar. „Diese Platte zeigt ganz deutlich, wie ich bin, wenn ich loslasse. Mich gehen lasse. Sie zeigt, wer ich bin, wenn ich vor kreativer Energie regelrecht platze“, stellt Nelly abschließend fest. „Das ist die künstlerischste Seite von mir. Dafür lebe ich, und ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass ich diese Seite mit anderen teilen kann.“

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